Nah dran - Kolumne zur Hospizarbeit

Im Altenheim leben

Eine 95jährige ist nach einem Sturz in der Wohnung vom Krankenhaus aus ins Altenheim gekommen. Knapp vier Wochen lebt sie jetzt dort und kommt mit diesem Umzug immer noch nicht gut klar.

Bei meinem ersten Besuch kommentiert der Stationsleiter meine Vorstellung als Hospizmitarbeiterin: "So weit ist es doch noch gar nicht mit Frau NN." "Was meinen Sie?" frage ich zurück. "Ja, Sterben halt...." "Wann ist es denn 'so weit'?" will ich von ihm wissen. "Es ist doch die letzte Lebensphase dieser Frau. Auch wenn sie nicht 'akut' sterbend ist."

Bei meinem zweiten Besuch erzählt sie, dass er lacht, wenn sie sagt, dass sie nun wohl bald stirbt. "Ich bin 95", sagt sie entrüstet. "Warum lacht der? Viel älter kann man ja kaum werden..." Und dann fügt sie an: "Und ich mag auch gar nicht mehr noch lange leben."
Wir unterhalten uns darüber, wie tiefgreifend die Veränderung ist: vom eigenständigen Leben in der geschmackvoll eingerichteten 3-Zimmer-Wohnung zum 12-Quadratmeter-Zimmer mit Einheitsmöblierung. Vor zwei Monaten hat sie noch komplett für sich allein gesorgt und einmal die Woche für vier Personen gekocht... Sie hatte eine Canasta-Runde und Gesprächspartner.
Hier riecht es nach Urin. Die meisten, die sie anspricht, können keinem Gespräch mehr folgen. Und das Personal lacht, anstatt sich der Situation der alten Dame zu stellen...
Ja, das ist doch sterben, denke ich. Und klar ist mir auch, dass die alte Dame sich für Weiterleben oder Sterben entscheiden wird. Sie hat bereits sehr abgenommen. Wenn sie keine Lust mehr auf Leben hat, wenn ihr Lebenswille bricht, dann wird sie sich weiter zurückziehen und das Leben wird sich - ganz ohne besondere Erkrankung - ausschleichen.
Ja, sie ist fit im Kopf und hat nur wenige körperliche Einschränkungen. Aber zu lachen gibt es da wirklich nichts, wenn sie sagt, ich sterbe wohl jetzt.

Auch das ist Hospizarbeit: Menschen Raum zu geben, über den langen Weg des Abschieds zu reden, ihre Sterbensängste und ihre Sterbenssehnsucht zu artikulieren.
Dabei feiern wir das Leben - mit einer Tasse Kaffee und einem Stückchen Kuchen zum Beispiel - dieses endliche Leben, das Höchstbetagten manchmal ganz schön viel zumutet.

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