Nah dran - Kolumne zur Hospizarbeit


 

Der Raum ist stickig heiß, obwohl eine Tür zum Balkon hin offen steht. Ich besuche Edeltraud zum 3.Mal in diesen heißen Tagen des späten Sommers 2016. Die 96jährige liegt sitzend in ihrem Bett an der Wand direkt neben der Eingangstür zu ihrem Appartement.  Sie hat noch fülliges, leicht gewelltes Haar. Ihre faltige Haut ist mit Altersflecken übersät. Sie sieht kaum noch etwas und ist stark schwerhörig. Wegen der Hitze ist sie dünn bekleidet mit einem kurzärmeligen Hemdchen. Die bunte Bettdecke ist bis zur Brust hochgezogen.

 

Das Gespräch besteht aus einzelnen Sätzen, die immer wieder wie Gestalten im Nebel von irgendwo auftauchen.  „Mögen Sie eigentlich Eis?“ frage ich. Ihre Augen bekommen für einen Moment Glanz. „Wer mag das nicht?“ entgegnet sie keck. „Hat Ihnen denn schon jemand in diesen heißen Tagen eins mitgebracht?“ Der Glanz erlischt und sie schüttelt verneinend den Kopf. „Hätten Sie denn Lust auf eins?“ frage ich. „Ach nein“, sagt sie matt. „Bei so einer Hitze tut so ein kühles Eis doch gut“, beharre ich. Und da sie nicht widerspricht, erzähle ich, dass ich auch Eis mag und welche Sorten ich bevorzuge und welche Eisdiele in der Umgebung besonders leckeres Eis hat. Eis geht eigentlich immer, sind wir uns einig. „Ich hole eben eins. Das geht doch ruckzuck“ endet mein mehr oder weniger Monolog. „In ein paar Minuten bin ich zurück“ sage ich noch und bin schon unterwegs, ohne dass weiterer Widerspruch erfolgt. Ein paar Minuten später stehe ich mit einem Schälchen Erdbeereis an ihrem Bett. Edeltraud lässt das Eis fröhlich auf der Zunge zergehen. Dann hällt sie plötzlich inne: „Wo ist denn Ihr Eis? Essen Sie keins?“ fragt sie. Enttäuschung fällt wie ein Schatten über ihr Gesicht. Erst in diesem Moment fällt mir auf, dass das Alleinessen dem Vergnügen Abbruch tut. Ich mache sie zum Empfänger von Wohltaten, denke ich. So ein Mist! Um die Situation wenigstens ein bisschen zu retten, nehme ich die Eiswaffel und etwas Eis darauf. Beim nächsten Mal, das weiß ich jetzt, beim nächsten Mal essen wir zusammen ein Eis.

 

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